Es reicht: Die längst überfällige Aufwertung der Hausarztmedizin ist auch mit der Einführung von TARDOC nicht gelungen, entgegen allen politischen Absichten und Beteuerungen. Zwar steigen die Gesamtkosten im ambulanten Bereich 2026 voraussichtlich im hohen einstelligen Bereich, doch die Hausarztmedizin bleibt auf Null, in einzelnen Kantonen zeichnet sich sogar ein Minus ab. Für mfe Haus- und Kinderärzte Schweiz ist diese Entwicklung nicht akzeptabel. Sie droht das bestehende tarifarische Ungleichgewicht zu Ungunsten der Grundversorgung weiter zu verschärfen. Tarifpartner und Politik müssen jetzt handeln.
TARDOC sollte die ärztliche Arbeit besser abbilden und insbesondere die Grundversorgung stärken. Wie erste Daten nun zeigen, ist dieses politische Ziel nicht erreicht worden. Die relevanten Detailzahlen dazu liegen zwar vor, wurden aber bis heute von den Tarifpartnern immer noch nicht veröffentlicht. Die für mfe zum jetzigen Zeitpunkt verfügbaren Informationen zeigen jedoch zwei wesentliche Effekte der Tarifeinführung: Die Hausärzt:innen (Allgemeine Innere Medizin) werden mit TARDOC nicht aufgewertet, kantonal teilweise sogar abgewertet, während sich gesamthaft eine deutliche Kostensteigerung im ambulanten Bereich abzeichnet. Bei den Kinder- und den praktischen Ärzt:innen zeigt sich eine moderate Verbesserung – diese war längst überfällig.
Daraus ist zu schliessen, dass einzelne Fachgebiete mit der Einführung von TARDOC und ambulanten Pauschalen noch einmal überproportional zugelegt zu haben. Die grosse Masse der hausärztlichen Grundversorger:innen gehört aber nicht dazu - obwohl 42 % der ambulant tätigen Ärzt:innen in der Schweiz in der hausärztlichen Grundversorgung arbeitet.
Das alte tarifarische Ungleichgewicht wird mit dem neuen System also nicht behoben, sondern droht sich weiter zu verschärfen. «Wir stehen vor einer paradoxen Situation: Gesamthaft zeichnet sich unter TARDOC eine erhebliche Kostensteigerung ab, gleichzeitig ist die von allen Seiten geforderte Aufwertung der Hausärzt:innen ausgeblieben. Das akzeptieren wir nicht. Jetzt müssen die Verantwortlichen handeln - gezielt dort, wo die Fehlentwicklungen entstehen, und ohne die Grundversorgung weiter zu schwächen», fasst Monika Reber, Co-Präsidentin mfe, zusammen.
Keine kollektive Abwertung auf Kosten der Grundversorgung
Die deutliche Gesamtkostensteigerung wird Korrekturen unumgänglich machen, um die Kostenneutralitätsvorgaben des Bundesrats einhalten zu können. Für mfe ist jedoch eine rote Linie klar: Es darf keine lineare Abwertung über alle Fachrichtungen hinweg geben. Die Grundversorgung darf nicht zweimal verlieren - zuerst, weil die längst fällige, spürbare Aufwertung ausgeblieben ist, und danach nochmals durch undifferenzierte Korrekturmassnahmen.
Korrekturen müssen gezielt dort ansetzen, wo die Tarife und deren Berechnungsgrundlagen nicht sachgerecht sind. Dazu gehören insbesondere überhöhte Minutagen, aber auch zu tief berechnete Infrastruktur- und Personalkosten. Letztere treffen die Grundversorger:innen besonders hart: Sie können nicht über zu hoch tarifierte Handlungsleistungen oder Erträge aus Privatversicherungen kompensiert werden.
Ein fatales Signal an den Nachwuchs
Die Schweiz leidet zunehmend unter einem Mangel an Haus- und Kinderärzt:innen. Bund und Kantone investieren deshalb in zusätzliche Studienplätze und weitere Massnahmen zur Nachwuchsförderung. All diese Bemühungen werden torpediert, wenn der Tarif gleichzeitig weiterhin falsche Anreize setzt, wie sie sich jetzt abzeichnen.
Warum sollen sich junge Ärzt:innen für die Grundversorgung entscheiden, wenn diese Arbeit bei vergleichbarer Ausbildung und hoher Verantwortung wirtschaftlich weiterhin deutlich weniger attraktiv bleibt als andere Fachrichtungen? «Ein Tarifsystem, das die Grundversorgung so klar benachteiligt, verschärft den Hausärztemangel, statt ihn zu bekämpfen. Wir sind wütend und enttäuscht, dass die jahrelang geforderte und in Aussicht gestellte wirtschaftliche Aufwertung einmal mehr nicht stattfindet», hält Sébastien Jotterand, Co-Präsident mfe, fest.
mfe Haus- und Kinderärzte Schweiz fordert:
Tarifpartner und Politik müssen jetzt eine Lösung finden.
Der politische Wille zur Stärkung der Grundversorgung muss umgesetzt werden.
Die Grundversorgung muss sofort und substanziell aufgewertet werden.
Die Aufwertung der Haus- und Kinderarztmedizin muss messbar im Tarif ankommen.
Keine Abwertung der Grundversorgung im Rahmen der Kostenneutralitätsvorgaben.
Lineare oder undifferenzierte Korrekturen sind nicht akzeptabel.
Überhöhte Minutagen müssen sofort korrigiert werden.
Korrekturen müssen dort ansetzen, wo die Überschreitungen und Fehlanreize entstehen.
Die IPL muss umgehend korrigiert werden.
Auch hier braucht es rasch eine Anpassung an die aktuellen Infrastrukturkosten.
